Die folgende Kurzgeschichte schrieb ich im Juni 2018. Nach zwei großen Projekten, hatte ich Lust, wieder einmal etwas Kürzeres zu schreiben. Die Idee war schnell gefunden. Künstliche Intelligenz und deren Folgen für die Gesellschaft. Schließlich sind dies die Themen, die den Arbeitsmarkt der Zukunft bestimmen werden, weite Gebiete der Wissenschaft und Philosophie schon seit jeher interessierte und die mich schon seit Kindertagen immer ein wenig träumen ließen.
Welche Chancen bietet uns die KI, welche Gefahren gehen von ihr aus? Was ist Schönheit? Wie erleben wir Vergänglichkeit und was werden wir bevorzugen: Illusion oder Wahrheit?
Aber seit gewarnt: Dies ist ein Thriller mit Science-Fiction Einschlag der nicht für Kinder gedacht ist, sondern die Erwachsenen Leser ansprechen sollte.
Diese Version ist noch in einem frühen Überarbeitungsstadium. Ihr seht also ein Werk, an dem noch nicht alle Kanten sauber gebügelt wurden. Ich hoffe aber trotzdem, dass ihr die Geschichte genießen könnt und gut unterhalten werdet. Zumindest hat mir das Schreiben der Geschichte Spaß bereitet und ich könnte mir vorstellen, eins oder zwei weitere Kurzgeschichten im Replica-Universum anzusiedeln. Es ist aus meiner Sicht noch lange nicht alles zu diesem Thema gesagt. Also seit vorsichtig, solltet ihr mir positiv zusprechen, könnte es sein, dass weitere Geschichten um Erica und Ihresgleichen entstehen könnten.
Aber jetzt genug der Vorrede, jetzt geht’s los.

Danke fürs Lesen!

REPLICA

von Roman Scherrer

 

Die alte Frau hinter dem Tresen sah verärgert durch die Scheibe ihres Ladens. Dahinter hatte sich ein Junge daran gemacht, ihre Auslage zu studieren. Irgendetwas an ihm kam ihr merkwürdig vor. Sie konnte es sich selbst nicht erklären. Sein blass blaues Hemd hatte er ordentlich in der braunen Cordhose vergraben, seine Mütze saß tief, verdeckte dabei fast die komplette Stirnpartie und eine passende dünne Jacke hatte er lässig über der Schulter liegen. Doch diese Augen, sie sahen nicht nur ihre Blumen an, sie schienen sich förmlich in sie hineinzugraben.

„Jetzt riecht er auch noch daran.“, sagte sie, ohne zu bemerken, wie sie die Worte laut aussprach.

„Was hast du gesagt.“, meldete sich die Stimme ihrer Tochter. Sie war gerade aus dem Nebenraum gekommen und trug einen Strauß frisch geschnittener Blumen.

„Ach, nichts. Habe nur wieder mit mir selbst gesprochen, wie es alte Menschen für gewöhnlich tun.“ Dabei strich sie sich gedankenverloren über ihre Narbe, welche sich über ihren ganzen Unterarm erstreckte.

„Du bist doch nicht alt.“, widersprach ihr ihre Tochter.

Die alte Frau wendete ihren Blick von dem Jungen ab und betrachtete ihre Tochter eingehend. Wie lange war es her, als sie selbst so blendend ausgesehen hatte – in der Blüte ihrer Jugend. Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern. Sie schüttelte den Kopf, doch ihre Mine schien sich zu erhellen.

„Was hast du da schönes?“

Erica zupfte konzentriert an den Blumen, um sie ordentlich herzurichten. Als sie fertig war, hielt sie den Strauß weit von sich, damit ihre Mutter ihn begutachten konnte.

Die alte Frau nickte anerkennend, zuckte aber kurz darauf zusammen, als die Türklingel anschlug und der junge Mann den Laden betrat.

„Guten Frau Schneider.“ Begrüßte sie der junge Mann. „Und das dürfte ihre reizende Tochter sein, nicht wahr?“

Annas Unbehagen gegenüber dieses Mannes, schlug gleich zu Misstrauen um, als sie mit ihrem Nachnamen angesprochen wurde. Jemand der sich über sie informiert haben musste, ganz bestimmt. Selten verhieß dies etwas Gutes. Er konnte kein zufälliger Besucher sein, da ihr Laden bloß mit Annas Blumenparadies angeschrieben war. Und auch sonst hielt sie nichts von Werbung in irgendeiner Form. Die meisten ihrer Kunden kannte sie schon seit Jahren und wenn sie weiterempfohlen wurde, dann immer nur als Anna mit dem Blumenladen. Anna Schneider würde es nicht überraschen, wenn kaum einer ihrer langjährigen Kunden überhaupt ihren Nachnamen kennen würde.

Der Mann ging an Erica vorbei und tippte sich dabei grüßend an die Mütze. Als er vor Anna am Tresen stand, legte er seine Kopfbedeckung ab und legte sie vor sich auf die Ablage.

„Was kann ich für sie tun?“, gab sich Anna geschäftlich und setzte dabei ihr über Jahre antrainiertes Lächeln auf.

„Ich war gerade dabei mir die Beine zu vertreten, da bemerkte ich ihren entzückenden Laden. Wirklich was Besonderes. Eine richtige Rarität.“ Er sah kurz zu Erica, die dabei war die Blumen in eine Vase zu stellen und schenkte Anna kurz darauf wieder seine ganze Aufmerksamkeit. „Aber ich bin noch unschlüssig.“

„Wir haben echte Rosen im Sonderangebot.“

„Echte Rosen?“ Seine Stirn warf falten. „Rosen. Ja, warum nicht.“

Anna musste gar nichts sagen, Erica eilte von selbst nach hinten und kam mit einem Strauß verschiedenfarbiger Rosen zurück.

„Welche Farbe darf es denn sein? Wir haben –“

„Ach, wenn ich es mir recht überlege, brauche ich doch keine Rosen. Ich bin viel unterwegs und nicht oft Zuhause. Wer sollte dann nach den Blumen sehen? Wäre echt eine Verschwendung.“ Unterbrach der Junge Anna und lächelte sein schmieriges Lächeln. „Aber schön haben sie es sich hier eingerichtet. Alles frisch und so lebendig. Was für eine Aufgabe für sie alleine.“

„Zum Glück hilft mir meine Tochter wo sie kann aus.“

Anna wechselte einen kurzen Blick mit Erica und diese brachte daraufhin die Blumen zurück ins Lager.

„Was würde man nur ohne Familie machen, nicht wahr?“, sagte der Mann und verfiel daraufhin in ein nachdenkliches Schweigen.

Anna war es unwohl in ihrem eigenen Laden. Etwas Unheimliches ging von der Person aus. Irgendetwas in ihrem Inneren alarmierte sie, aber sie konnte bei besten Willen nicht darauf kommen, warum dies so war.

Erica gesellte sich nun neben ihre Mutter und dies beruhigte Anna ein wenig.

„Aber wie ist es den um ihren Laden bestellt, wenn die jungen Männer hier die Tür eintreten und um die Hand ihrer hübschen Tochter anhalten.“ Er sah Erica dabei nachdenklich an. „Sagen sie mir nicht, dass sie sich darum noch keine Gedanken gemacht haben. Schließlich ist sie in einem Alter –“

„Was wollen sie wirklich?“, fragte Anna nun direkt. Sie wusste nicht was für ein Spiel hier gespielt wurde, aber es war ihr langsam genug. Er zeigte zu viel Interesse an dem Laden, an Erica und viel zu wenig an ihrer Ware.

„Entschuldigen sie. Ich verfalle manchmal ins Plaudern, wenn mir jemand sympathisch ist und mein Interesse weckt. Und darin haben sie sich heute als einziges schuldig gemacht.“

„Das war nicht meine Absicht.“

Der Fremde lächelte darauf hin.

„Ich versuche mir nur ein wenig die Zeit zu vertreiben, da ich erst am Nachmittag einen Termin hier in der Gegend habe. Bitte entschuldigen sie, falls ich zu aufdringlich war.“, sagte er. „Ich fand es nur sehr merkwürdig echte Blumen zu sehen. Etwas sehr seltenes heutzutage. Wer macht sich den noch die Mühe etwas zu pflanzen und darauf zu warten bis es erblüht?“

„Unsere Kundschaft besteht hauptsächlich aus Kennern und Liebhaber.“, erklärte Anna. „Alles biologisch und von Mutter Natur. Keine künstliche Kristallbildung innert Sekunden. Hier ist Sorgfalt und Geduld gefragt.“

Anna fühlte die leichte Berührung von Ericas Hand auf ihrer Schulter. Sie sprach zwar wenig, aber wusste immer was zu tun war.

„Und der Keim des Versagens steckt schon drin.“, Bemerkte der Fremde. „Einmal nur das gießen vergessen oder zu viel Wasser und die Blumen sind nicht mehr zu retten. Und was ohne Wurzeln daher kommt, ist schon nach Tagen dem Untergang geweiht. Welche Verschwendung.“ Der Fremde wurde immer lauter beim Sprechen. Er verstummte kurz nachdenklich und fügte dann hinzu: „Nicht einmal als Nahrung taugt es was. Ich sehe den Nutzen davon einfach nicht.“

„Blumen heben die Stimmung, sie machen uns glücklich. Etwas Schönes schlägt eine bestimmte Saite in uns an und –“, sie suchte nach den richtigen Worten. „Und bringt uns dem eigenen Selbst näher, bringt uns der Mutter Erde näher. Verbindet uns mit unserem höheren Selbst.“

„Unfug und dummes Geschwätz. Ich verstehe ja, dass sie ihre Ware verkaufen wollen, aber kommen sie mir nicht so. Esoterik für Einfältige.“ Wütend griff der Mann zu seiner Mütze. „Auf Wiedersehen die Damen.“

Die Tür fiel darauf hin, träge hinter ihm ins Schloss.

Anna wusste, sie würde diesen Mistkerl wieder sehen und das würde ihr noch mehr Ärger einbringen als bisher, da war sie sich sicher.

Erica nahm die Hand von Annas Schultern und kümmerte sich vorne am Schaufenster um die Blumen.

„Vergiss nicht deine Pillen zu nehmen.“, erinnerte sie Erica.

Sah sie dem Fremden durch die Scheibe nach?

Wenn dem so war, ließ sie sich nichts anmerken und Anna wollte es dabei beruhen lassen. Schließlich hatte der Mann ihrer Tochter sicherlich einen Schrecken eingejagt.

Manchmal war Schweigen das beste Mittel. Dann konnte man solche Angelegenheiten auch wieder schnell vergessen.

#

Am nächsten Morgen häuften sich die Anrufe. Anna war dabei einen Kranz für eine Beerdigung fertig zu stellen und wurde immer wieder unterbrochen, da eine zukünftige Braut unablässig ihre Bestellung für ihre Hochzeit änderte. Aus diesem Grund kümmerte sich heute Erica darum die frischen Blumen aus dem Transporter zu laden und vorne einzutopfen. Weil Anna auch nur zwei Hände hatte und – auch wenn sie es nie zugeben würde – trotzdem die Zeichen des Alters an ihrem Körper langsam zu spüren begann.

Anna hing geradezu wer weiß wievielten Mal den Hörer ab, als sie kurz zu ihrer Tochter sah. Diese war mit ungebrochenen Elan dabei die großen Töpfe mit frischer Erde zu füllen und die Setzlinge einzupflanzen. Eine einzelne Haarsträhne löste sich immer wieder aus dem zu locker sitzendem Haarband und viel ihr ins Gesicht. Belustig sah ihr Anna zu, wie sie mit ihrem Arm versuchte, diese Strähne zu bändigen, wohl bedacht, ihr Gesicht nicht mit der Erde zu verschmieren, in der sie gerade eben noch bis zu den Knöcheln gegraben hatte.

Schmunzelnd arbeitet Anna weiter, ohne zu bemerken wie die Zeit verflog.

Als Anna das nächste Mal hinausblickte, war Erica verschwunden. Der kleine Transporter stand  immer noch vor dem Laden. Die Wagentür war weit geöffnet und noch zu einem Drittel mit Ware gefüllt. Verwundert trat Anna zur Scheibe und blickte hinaus. Erschrocken sog sie Luft ein, als sie den jungen Mann von gestern sah. Er unterhielt sich etwas abseits der Straße mit Erica. Er schien wütend zu sein und Erica eindringlich seine Lage erklären zu wollen. Erica verhielt sich wie immer und sah ihr gegenüber ausdruckslos, aber aufmerksam, an.

Dann ergriff der Mann Ericas Handgelenk und zog sie mit sich. Erica wehrte sich und entzog sich seinem Griff, was ihn nur noch wütender zu machen schien.

Der Wüstling versucht sich an meine Tochter heran zu machen, dachte sich Anna.

Dem werde ich Beine machen.

Sie wuchtete die Tür auf, die mit einem lauten Schlag gegen die Außenwand schlug.

Ruckartig drehte sich Erica und der Mann zu ihr um.

„Lassen sie meine Tochter in Ruhe!“, pustete sie. Sie musste erst einmal einen tiefen Atemzug nehmen, so schnell war sie gerannt, bevor sie weiter sprechen konnte. „Ich wusste von Anfang an, dass man ihnen nicht vertrauen kann.“

Anna stand nun zwischen den Beiden. Sie hatte Erica im Rücken und wetterte gegen den Fremden.

„Lassen sie uns ein für alle Mal in Ruhe. Haben sie mich verstanden!“

„Laut und deutlich, Frau Schneider.“, gab er frech zurück. „Ich werde sie nicht mehr belästigen.“ Er sprach nun zu Erica: „Aber wir zwei haben uns noch nicht ausgesprochen. Verstanden?“

Erica nickte abwesend.

„Jetzt reicht es mir!“, schrie Anna außer sich und zog Erica zurück in den Laden.

Der Mann sah ihnen nach und verharrte kurz draußen, bis er seinen Rückzug antrat.

„Was wollte er von dir?“, fragte Anna immer noch außer Atem, als die Zwei wieder im Laden waren.

„Nichts Besonderes.“, gab sie knapp zu Antwort.

„Aber was hat er den gesagt?“

„Er hat nur komisches Zeug geredet. Ich habe das meiste nicht verstanden. Er ist von der Versicherung und wir hätten Zahlungsprobleme, oder so was in der Art.“

Versicherung. Konnte das sein? Sie war in der letzten Zeit wirklich knapp bei Kasse, ließ es sich aber nicht anmerken. Erica sollte nichts davon mitbekommen. Jetzt hatten sie wieder einige Aufträge und die würden sie wieder eine Zeit lang über Wasser halten. Vielleicht hatte sie wirklich die Zahlungsfrist einiger Rechnung mehr als überzogen. Aber würde sie so schnell… Konnten sie ohne Wiederstände jemanden… Nein, das war nicht möglich. Jemand musste sich einen Scherz mit ihnen erlauben, und zwar einen sehr schlechten Scherz.

„Stimmt es?“, fragte Erica.

„Was?“ Anna wurde aus ihren Gedanken gerissen.

„Stimmt es, dass wir offene Rechnungen haben?“

„Mach dir keine Sorgen. Uns geht es gut.“ Anna strich die ungebändigte Strähne aus Ericas Gesicht und zog das Haarband etwas enger. „Du solltest jetzt wieder an die Arbeit gehen. Mach du weiter hier und ich fahr den Transporter in die Garage.“

„Ich helfe dir noch beim Ausladen.“

Anna nickte und empfand eine Mischung aus großer Freude über dieses Mädchen und unbändige Angst, sie verlieren zu können. „So machen wir das.“

#

Anna stand in der Küche und machte Frühstück. Sie wunderte sich, dass Erica noch nicht auf war. Eigentlich machte Erica immer das Frühstück. Das Mädchen kam wirklich mit wenig Schlaf aus, darum gönnte ihr Anna gerne mal eine Auszeit. Sie würde ihr sogar das Frühstück ausnahmsweise ans Bett bringen. Sie freute sich heimlich, den überraschten Ausdruck in ihrem Gesicht zu sehen und wünschte sich nichts mehr, als eine innige Umarmung als Dankeschön zu erhalten.

Sie goss als letztes noch die Milch in den Krug und schlich dann die Treppe zu Ericas Zimmer hoch. Sie hatte zuerst ein wenig Schwierigkeiten, das Tablett mit dem Frühstück in einer Hand zu balancieren. Beim Versuch hatte sie ein wenig Milch verschüttet, aber zum Glück nur ein paar Tropfen, die sich im Tablett zu einer kleinen Pfütze vereinigten. Sie öffnete vorsichtig die Tür und griff gerade noch rechtzeitig zu, bevor das Tablett ihr aus der Hand geglitten wäre.

Das konnte doch nicht sein! Ericas Zimmer war leer. Das Bett war gemacht, so als ob sie letzte Nacht überhaupt nicht in ihrem Bett geschlafen wäre. Oder war sie heute Früh schon los und hatte das Bett bereits gemacht? Etwas ging hier vor, entglitt ihr, machte ihr Angst und versetzte ihrem Herzen einen Stoß. Erica hatte noch nie das Haus verlassen, ohne ihr etwas davon zu erzählen.

Anna stellte das Tablett unachtsam aufs Bett. Sie bemerkte überhaupt nicht, wie ein Teil der Milch über den Bettanzug floss. Sie späte aus dem kleinen Dachfenster auf den Hof. Niemand zu sehen. Sie öffnete die Schranktür und erschrak, als sie bemerkte, dass ein Teil von Ericas Garderobe fehlte.

„Erica… Erica…“, rief Anna. Dabei wurde sie immer panischer. „ERICA!“

Keine Antwort. Sie lauschte in die Stille, aber sie konnte kein Lebenszeichen im ganzen Haus vernehmen. Sie wollte schon nach unten eilen, als sie den Bildschirm von Ericas Laptop aufblinken sah.

 

Liebe Mutter,

Leider kann ich es dir momentan nicht erklären, aber ich muss dringend für eine Weile aus  der Stadt. Bitte mach dir keine Sorgen, mir wird es gut gehen. Sobald ich alles geregelt habe, komme ich wieder zurück.

Bitte lösche diese Nachricht sobald du sie gelesen hast. Sollte jemand nach mir fragen, weißt du von nichts. Ich bin einfach eines morgens nicht mehr da gewesen.

Entschuldige bitte, aber du musst mir glauben, dass es das Beste für uns ist und ich nur in deinem Interesse handle. Verhalte dich unauffällig und bitte rede nicht mit der Person, welche die letzten Tage um den Laden strich. Halte ihn dir vom Leib.

Herzlichste Grüß deine immer liebende Tochter

Erica

 

Da Stand es nun. Die Worte schienen sie zu verhöhnen. Ihre Tochter war weg. Weg ohne einen Grund zu nennen, ohne sich zu verabschieden. Erica musste gewusst haben, dass Anne versucht hätte es ihrer Tochter auszureden. Was es auch immer war, sie hätten es gemeinsam durchgestanden. Sie einfach außen vor zu lassen, das verletzte Anna schwer. Sie hätte wütend sein sollen, enttäuscht, doch in diesem Moment hatte sie nur furchtbare Angst um ihre Tochter. Und hoffte, dass sie keinen Unsinn begehen mochte.

#

Ungeduldig verharrte sie in ihrem Laden. Sie kam sich vor wie eine Spinne, die nur darauf warten würde, bis er etwas ins Netz ging. Sie hatte den Laden in der Nacht präpariert. Die kleine Truhe war an ihrem Platz unter der Theke. Die alte Waffe ihres verstorbenen Mannes, in sanftem Tuch gewickelt, darin verborgen.

Und so wartete sie auf den jungen Mann.

Sie sollte sich nicht einmischen und nicht mit ihm reden. Aber es ging um ihre Tochter, um ihre Familie, um ihr Leben. Auch wenn es aussichtslos schien, sie würde alles versuchen was sie konnte, um für die Sicherheit ihrer Tochter zu sorgen.

Kurz vor Mittag, betrat der Mann den Laden.

Annas Herz schlug in ihren Eingeweiden, so laut, dass sie fürchtete, von ihrem eigenen Organ verraten zu werden. Doch sie würde sich nichts anmerken lassen, dieses Versprechen hatte sie sich selbst abgenommen.

„Guten Tag Frau Schneider.“

„Guten Tag…“ Anna betätigte einen Knopf unter der Theke und die Außentür wurde verriegelt. „Ich habe ihren Namen leider vergessen.“

„Um ehrlich zu sein, habe ich ihnen wohl noch nicht genannt. Entschuldigen sie. Mein Name ist Frank Delvin.“

„Ach ist das so. Und sie sind heute wieder geschäftlich hier?“

„So zu sagen.“, antwortete er vorsichtig.

„Und was sind das für Geschäfte?“

„Entschuldigen sie, aber ich habe heute nicht viel Zeit.“ Der Mann strich sich nervös den Mantel glatt. „Dürfte ich kurz mit ihrer Tochter sprechen?“

„Nein, das können sie nicht.“

Anna schob den Pullover hoch und begann sich am Unterarm zu kratzen.

„Sagen sie ihr nur, dass ich hier bin, sie wird dann schon kommen.“

Anna verzog keine Miene.

„Oder ist sie da hinten?“ Er zeigte auf die Lagertür die halb offen stand. „Erica?“

Anna hatte den ganzen Morgen Zeit sich zu überlegen was sie machen sollte, wie sie ihn zum Reden brachte.

„Hören sie. Sie ist nicht da.“, sagte Anna. „Und sie wird so schnell auch nicht kommen. Sie ist heute früh weggelaufen.“

Delvin sah sie überrascht an. Es schien Anna so, als ob er ihr direkt in die Augen schaute, um zu erkennen ob sie die Wahrheit sprach. Er wendete den Blick ab und tippte dann hastig etwas in einen kleinen Apparat, den er bei sich trug.

„Mist.“, Fluchte er vor sich. Er wippte aufgeregt mit dem linken Fuß und sah immer wieder zu Anna hoch, als ob er sich vergewissern wollte, das wenigstens sie noch an Ort und Stelle war. „Hat sie ihnen gesagt das sie gehen will und wohin das sein würde?“

Anna musterte Delvin aufmerksam. Seine Garderobe passte perfekt. Dieselben Hosen, dieselbe Jacke wie zuvor, nur das Hemd schien frisch gebügelt. Aber die Mütze fehlte. Er trug die Haar kurz geschnitten und hatte einen Mittelscheitel auf der linken Seite gezogen. Nur an dieser Stelle schien etwas nicht perfekt zu passen, da sich einzelne Haare heute Morgen dem Kamm wiedersetzt haben mussten und hier ein Eigenleben führten.

„Ich ging heute in ihr Zimmer und sie war fort. Ich war völlig überrascht und mache mir jetzt natürlich Sorgen.“

„Verständlich. Aber hat sie keine Nachricht hinterlassen?“

Anna schüttelte langsam den Kopf. Bis zu diesem Punkt hatte sie ihm die Wahrheit gesagt, nun würde sie den Pfad der Tugend verlassen müssen. Sie brauchte dringend Antworten. Sie wusste nicht wieviel Delvin wusste, aber er musste mindestens etwas wissen. Mehr wissen als sie. Den erst mit seinem Betreten ihres Ladens lief alles aus dem Ruder. Sie hatte schon zu Beginn ein schlechtes Gefühl bei ihm.

„Kann ich mich mal umsehen, vielleicht haben sie ja etwas übersehen.“

Das war genug. Ab jetzt würde sie die Fragen stellen. Was dachte sich dieser Delvin nur, wollte einfach so ihr Haus betreten und durchsuchen.

„Wer sind sie uns was machen sie hier. Und am wichtigsten, warum hat meine Tochter solche Angst vor ihnen, dass sie einfach so davongelaufen ist.“, fragte Anna. Sie versuchte dabei ihre Stimme zu kontrollieren, sich nichts anmerken zu lassen. Doch ihre Stimme klang brüchig und schwach in ihren eigenen Ohren.

Delvin zog einen Mundwinkel unnatürlich in die Höhe. Ein höhnisches Grinsen, das ihr sagen sollte, dass sie von ihm überhaupt nichts erfahren würde. Das machte sie noch wütender.

Als sie unter die Theke lugte und sich vorbereitete, merkte sie erst, wie sie ihren Unterarm massierte. Ihre Haut war ganz rot, nur die Narbe stach als einziges weiß vom Rest ihrer Haut ab. Die Narbe, dachte sie. Woher? …

Kurz war sie verwirrt. Ein Gedanke, mehr ein Bild schoss durch ihre Wahrnehmung. Aber so schnell es da war, war es wieder verschwunden. Sie hatte jetzt keine Zeit. Sie musste erfahren was mit ihrem Mädchen war.

„Geht es ihnen gut.“, fragte Delvin. Aber sein höhnisches Grinsen verschwand nicht. Das war kein Mitgefühl, das war Schadenfreude. „Guten Tag.“

Er ging zum Ausgang.

Jetzt oder nie, sagte sie sich.

„Ich will Antworten.“

Delvin schwieg und legte seine Hand auf die Türklinke. Dann erstarrte er und drehte sich langsam zu Anna um. Er hatte sein Lächeln verloren und schluckte schwer, als er die Waffe in Annas Hand sah. Kurz darauf hatte er sich wieder unter Kontrolle und lief vorsichtig auf sie zu.

„Bleiben sie stehen! Ich will Antworten und sie werden sie mir geben.“

Delvin gehorchte wiederwillig.

„Ich verstehe ihre Lage. Aber bitte Frau Schneider, es ist das Beste für Sie, wenn sie die Sache auf sich beruhen lassen.“

„Einen Scheiß werde ich tun.“ Ihre Hand in der sie die Pistole hielt zitterte leicht. Ihr Herz pochte wie wild, ganz zu schweigen von dem verfluchten Arm, der wieder zu jucken angefangen hatte. Aber sie brauchte ihren Arm um Delvin unter Kontrolle zu halten. Um Antworten zu bekommen. „Sagen Sie mir was ich wissen will. Ich will nur wissen, in was mein kleines Mädchen verwickelt ist und wie ich ihr helfen kann.“

Delvin ließ die Schultern hängen und sah auf den Boden. Wenn die Verachtung nicht wäre, die Anna für diesen Mann empfand, würde sie glauben, dass er Mitgefühl mit ihrer Lage hätte. Aber sie sah in seiner Gestik nur eine bis ins kleinste einstudierte Maskerade. Nur das Wirken einer Puppe. Nur wusste sie nicht, an wessen Fäden diese Puppe geführt wurde.

Als die Hand des Mannes, den Lauf der Pistole ergriff, war alles nur noch Reaktion. Keine Zeit für einen klaren Gedanken, um abzuwägen oder sich zu besinnen. Sie kämpfte nun mit aller Kraft dagegen an, dass ihr die Pistole entrissen wurde. Sie klammerte sich mit aller Kraft an die Waffe und wurde dabei über den Tresen gezogen. So schnell und so stark, das konnte nur bedeuten…

Als sie den Abzug drückte, schloss sie instinktiv die Augen. Der Knall hallte unbarmherzig in dem kleinen Raum.

Sie lag auf dem Boden ihres Ladens und öffnete die Augen wieder. Delvin lag auf dem Rücken und Atmete schwer.

„Sie blö-de Zie-ge.“, röchelte er. Bei jedem einatmen pfiff seine Lunge. „Ich bi-in nur d-er Po-te…“ Er hustete.

Anna richtete sich auf und kroch auf ihn zu. Seine Brust war voller Blut. „Ich dachte sie sind eine Maschine.“, sagte sie verwirrt. Das viele Blut verwirrte sie. Ließ sie an verschüttete Milch denken. Warum wusste sie selbst nicht.

Delvin brummt.

Ob er sprechen wollte?

Dann hörte sie ihn lachen, bis er wieder einen seiner Hustenanfälle bekam.

„I-ch ei-ne Ma-sch-in-e? W-ie bli-nd sie d-doch sin-d.“

„Aber –“

„Holen s-ie hil-fe.“, röchelte er.

Anna fasste sich wieder. Sie hatte einen Fehler gemacht, aber das änderte nichts daran, dass sie Antworten brauchte. „Erst will ich wissen–“

„Der U-unfall. Den-ken sie … an den Un-fall.“ Er deutete auf ihre Narbe, bevor er in einen Hustenanfall verfiel. Danach war er nicht mehr ansprechbar.

Er war zusammengebrochen.

Ein Unfall? Was sollte das bedeuten?

Anna richtete sich schwerfällig auf und stützte sich auf dem Tresen ab. Die Pistole lag so leblos auf dem Boden wie Delvin.

Habe ich ihn getötet?

Unfall? Der Unfall. Ein Bild schoss wieder an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Regen, dieses laute prasseln. Dunkelheit. Nur Scheinwerfer. Ein Wagen. Aber etwas war falsch an dem Bild. Der Wagen lag auf dem Dach. Sie hörte wimmern. Dann Schreie. Sie brauchte eine Weile bis sie erkannte, dass es ihre Stimme war, die sie hörte. Sie konnte sich umsehen, aber nicht richtig Bewegen. Ihr Arm… Ihr Arm war eingeklemmt. Sie hörte sich weiter zu wie sie schrie. Und dann begriff sie erst, was sie gegen die Dunkelheit der Nacht anzuschreien versuchte. Wem sie rief, gegen den Benzingeruch und das immer stärker werdende Flackern der Flammen.

„ERICA! … ERICA!“

Doch Erica blieb eine Antwort schuldig. Sie ist in dieser Nacht gestorben.

Anna sackte vor dem Tresen zusammen. Tränen liefen ihr warm über die Wangen. Es war ihre Schuld. Sie hat ihr Baby umgebracht. Ihre kleine Tochter. Doppelschicht bei der Arbeit und dann musste sie auch noch ihre Tochter von der Party abholen. Sie hatten sich im Wagen gestritten. Erica, war betrunken. Sie haben sich gegenseitig angeschrien, und dann war es einfach passiert. Sie war einen Moment unaufmerksam und hatte die Kontrolle verloren. Sie kam von der Straße ab, prallten beim Ausweichen mit dem Heck des Wagens gegen einen Brückenbalken und überschlugen sich mehrmals. In dem Augenblick ging Anna noch durch den Kopf, dass Erica nicht angeschnallt war. Dann wusste sie erst wieder etwas, als sie wieder zu sich kam, sich aber nicht bewegen konnte, weil ihr Arm feststeckte.

„Alles wird wieder gut.“, hörte Anna die Stimme ihrer Tochter. Aber es war nicht in der Erinnerung, es war ihre echte Stimme, jetzt und hier im Laden.

Anna sah hoch und erkannte ihre Tochter. Sie stand so unschuldig in der Tür, als ob sie nur kurz weg war um die Blumen zu gießen.

Ihre Tochter kam auf sie zu und strich ihr durchs Haar.

Aber das konnte doch nicht Erica sein. Wie war das möglich? Erica ist in dieser Nacht gestorben.

Sie erkannte zu spät, wie sie sich geirrt hatte. Doch ein plötzlicher Moment der Klarheit brachte alles zusammen. Die Versicherung. Fehlende Zahlungen. Das Programm. REPLICA. Sie bekam die Chance ihre Tochter wieder zu bekommen. Die Depressionen waren zu stark. Man hat sie ins Programm aufgenommen. REPLICA versprach den verlorenen Mensch wieder zurück zu bringen. Androiden, mit der Erinnerung der Verstorbenen.

Wie konnte sie nur vergessen?

Die Pille. Sie musste die Pille dafür nehmen.

Erica half Anna hoch und nahm sie in die Arme.

„Alles wird gut. Mach dir keine Sorgen.“, flüsterte Erica.

Das war Ericas Stimme. Sie wirkte gebrochen, mitfühlend. Als ob dieses Ding echte Emotionen hätte. Sie war gut. Aber durfte sie sich diesen Traum nicht gestatten? Durfte sie nicht ein Leben haben mit ihrer Tochter? Sie wollte es, sie brauchte es. Sie würde die Pille wieder nehmen und sie würde alles vergessen. Das hoffte sie zumindest.

Aber sie hatte jemand umgebracht. Sie hatte ihn mit ihr verwechselt. Nicht er war die Maschine, sie war es. Und für ihre Tat musste sie bestraft werden. Das wusste sie. Aber momentan wollte sie nur in den Armen ihrer Tochter liegen und ihre Stimme hören, die ihr sagte, dass alles gut wäre.

Sie spürte die Kälte an ihrer Schläfe und verstand noch bevor der Schuss abgefeuert war. Ihre Tochter beschützte sie, wachte über sie und würde nicht zulassen, dass sie leiden würde.

„Nun bist du wieder mit deiner Tochter vereint.“, sagte der Android, der sich als ihre Tochter ausgegeben hatte.

Annas Körper sackte zu Boden. Blut vermischte sich mit Blut.

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